Zineria – eine Zine-Werkstatt

von Tomma Suki Hinrichsen

Wir gestalten und publizieren Zines: Bunte Hefte, die von selbsternannten Autor*innen hergestellt und in kleinen Auflagen veröffentlicht werden. In den Zines werden Bilder und Geschichten geschaffen die sich mit der Stadt und dem Zusammenleben auseinandersetzen. Fürs Erste hat sich die Zineria am ehemaligen Tempelhofer Flughafen niedergelassen und bietet die Möglichkeit diesen Ort zu erkunden, über ihn zu schreiben, zu zeichnen und zu dichten.

Ein Tag in der Zineria startet mit einem gemeinsamen Spaziergang rund um das Gelände. Wir beginnen uns zeichnerisch an eine alternative, bunte und vielfältige Zukunft anzunähern. Die gesammelten Eindrücke werden in der Werkstatt zu Zines weiterverarbeitet und Online publiziert: Bei @zine.ria auf Instagram.

Aber was sind eigentlich Zines?

Zines können kostengünstig hergestellt und von jeder Person herausgebracht werden. Das Genre steckt irgendwo zwischen einem persönlichen Brief und einem Magazin. Sie haben durchschnittlich zwischen 10 und 40 Seiten, sind selber mit einem Kopierer vervielfältigt worden und mit Klammerbindung geheftet. Zines werden nicht als Konsumgüter verstanden sondern der Öffentlichkeit als anti-copyright, copyleft, frei kopierbar zur Verfügung gestellt. Die Geschichte der Zines begann vor fast 100 Jahren in den USA und bis heute haben sich die kleinen Hefte als hyperlokale Kommunikationsmittel bewährt.

Was kann die Zineria?

Die Zineria soll Spaß machen. Sie soll utopische Ideen zulassen und zum Träumen herausfordern. Die Werkstatt besteht aus sieben Holzkisten, welche alle unterschiedliche Funktionen haben. Es gibt eine kleine Bibliothek, die als Inspirationsquelle dient: Es darf kopiert und zitiert werden, umgewandelt und abgewandelt. Außerdem gibt es reichlich Material zum Ausschneiden, Durchreißen und wieder Zusammenfügen. Ein Bild erzeug eine Assoziation, eine Assoziation kann eine Geschichte werden. In der Fotobox werden die Zines einheitlich abfotografiert und digitalisiert. Alle Bestandteile der Werkstatt passen in einen Fahrradanhänger. Die Zineria könnte also überall in der Stadt aufgebaut werden, in diesem Fall nun direkt vor Ort: Im ehemaligen Flughafengebäude Tempelhof.

Warum der Flughafen?

Das ehemalige Flughafengebäude steht mitten in Berlin und noch stehen viele Teile davon leer. Hier soll irgendwann mal ein lebendiger Stadtteil entstehen aber wer spricht und plant da bisher? Die Zineria soll den Bürger*innen einen Zugang zu dem Gebäude geben und das kollektive Fantasieren über diesen Ort anregen.

Und was hat das ganze mit Design und Demokratie zu tun?

Gestaltung spielt eine wichtige Rolle in der Entwicklung unserer Gesellschaft, denn sie lässt Unbekanntes erlebbar machen. Es geht hierbei nicht nur um die Gestaltung von Objekten, sondern auch um das Schaffen von Systemen, von Räumen, Plattformen und Gemeinschaften, welche zu wichtigen Experimentier- und Erfahrungsräumen für unsere Gesellschaft werden. Es können neue Situationen kreiert und dadurch unbekannte Konstellationen ausprobiert werden. Das Gestalten und Bespielen dieser Räume ist ein politischer Akt, denn sie werfen Fragen auf und setzen sich dadurch kritisch mit der gesellschaftlichen Ordnung auseinander.

Die gesellschaftlichen Ordnungen welche in diesen Räumen und durch diese Objekte entstehen könnte man als „utopisch“ bezeichnen. Ich verstehe das Wort „utopisch“ hier positiv, denn Utopien helfen einem loszulaufen und etwas zu verändern. Sie zeigen eine Alternative auf und funktionieren als Katalysator für gesellschaftliche Transformation. Utopien sind für mich eine treibende Kraft und ein schlichtweg schönes Gedankenexperiment. Sie sind in gewisser Weise ein Spiel auf das wir uns gerne einlassen und welches uns dazu befähigt losgelöst und frei zu handeln.

Ich bin für jede Erfahrung, jede menschliche Interaktion die auf Kollaboration und Gemeinschaftlichkeit aufgebaut ist dankbar, denn sie zeigt mir: Wir Menschen können auch anders. Wir sind nicht dazu „gemacht“ auf unser eigenes Wohl fokussiert, ein abgeschottetes Leben in der wirtschaftlich abgesicherten Kernfamilie zu verbringen, sondern dürfen auch hoffen, auf ein Leben mit geteilten Werten in denen die Individualität und die eigenen Bedürfnisse bewahrt werden und es gleichzeitig darum geht zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen und gemeinschaftlich zu arbeiten.

Design verstehe ich im Rahmen meiner Arbeit nicht mehr als Gestaltung einzelner Objekte, sondern als Gestaltung von Prozessen und Erfahrungen. Die Zineria ist ein Experiment. Eine Methode. Eine Plattform. Eine Herangehensweise die Utopisches diskutierbar macht.

@zine.ria

Das Projekt ist vom 22. April bis 18. Mai in der designtransfer Aussenvitrine, UdK Berlin, Einsteinufer 43 zu sehen.

Über die Autorin:
Tomma Suki Hinrichsen hat Produkt und Prozessgestaltung an der UdK studiert. Sie hat einen kollaborativen, utopie-orientierten Ansatz und glaubt, dass Design eine wichtige Rolle spielt, wenn es darum geht, Dinge zum Besseren zu verändern. Ihre Designpraxis besteht aus partizipativen Workshops, physischen Objekten und Illustrationen.
Seit 2019 ist sie Gründungsmitglied des Torhaus Berlin e.V., einem Gemeinschaftsraum für Menschen, die kreative Formen der urbanen Praxis und kollaborativen Prozessgestaltung ausprobieren.
Derzeit arbeitet sie als Freelancerin im Design Research Lab.


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