Das nackte Leben oder in welchem System ist Kultur nicht systemrelevant?

Aus den Kolumnen von Giorgio Agamben bei Quodlibet

Das von der Regierung sofort genehmigte Ausnahmezustand „aus Gründen der Hygiene und der öffentlichen Sicherheit“ führte zu schwerwiegenden Einschränkungen der Freiheit u.a. Aussetzung der Dienstleistungen für die Öffentlichkeit von Museen und anderen Instituten und Orten der Kultur. (26 febbraio 2020) Universitäten und Schulen wurden geschlossen und der Unterricht nur noch online abgehalten, wir haben aufgehört, uns aus politischen oder kulturellen Gründen zu treffen und zu reden, und uns nur noch digital ausgetauscht. (11 marzo 2020) Agamben glaubt nicht, dass durch die neuen digitalen Technologien, die uns ermöglichen auf Distanz zu kommunizieren, eine Gemeinschaft menschlich und politisch lebensfähig ist. (6 aprile 2020)

Das Gesicht drückt nicht nur den Gemütszustand eines Menschen aus, es ist vor allem seine Offenheit, seine Entblößung und Kommunikation mit anderen Menschen. Ein Land, das beschließt, auf sein eigenes Gesicht zu verzichten, überall die Gesichter seiner Bürger mit Masken zu bedecken, ist also ein Land, das jede politische Dimension von sich gestrichen hat. In diesem leeren Raum, der jederzeit einer unbegrenzten Kontrolle unterliegt, bewegen sich nun Individuen, die voneinander isoliert sind, die die unmittelbare und empfindliche Grundlage ihrer Gemeinschaft verloren haben und nur noch Nachrichten austauschen können, die an einen Namen ohne Gesicht gerichtet sind. An einen Namen, der kein Gesicht mehr hat. (8 ottobre 2020)

Angst ist ein schlechter Ratgeber, die Welle der Panik, die das Land gelähmt hat, zeigt deutlich, dass unsere Gesellschaft an nichts mehr glaubt, außer an das nackte Leben. Die Menschen haben sich so sehr daran gewöhnt, in der immerwährenden Krise und des immerwährenden Notstands zu leben, dass sie nicht mehr zu erkennen scheinen, dass ihr Leben auf einen rein biologischen Zustand reduziert wurde und jede andere Dimension verloren hat, nicht nur die soziale und politische, sondern auch die menschliche und affektive.

Eine Gesellschaft, die in einem ständigen Ausnahmezustand lebt, kann keine freie Gesellschaft sein. Tatsächlich leben wir in einer Gesellschaft, die die Freiheit den sogenannten „Gründen der Sicherheit“ geopfert hat und sich damit selbst dazu verdammt hat, in einem ständigen Zustand der Angst und Unsicherheit zu leben. Es ist nicht verwunderlich, dass von einem Krieg gegen das Virus die Rede ist. Die Notmaßnahmen zwingen uns tatsächlich dazu, unter Ausgangssperren zu leben. Aber ein Krieg mit einem unsichtbaren Feind, der in jedem anderen Menschen lauern kann, ist der absurdeste aller Kriege. Es ist in Wahrheit ein Bürgerkrieg. Der Feind ist nicht außerhalb, er ist in uns. (17 marzo 2020)

Die Biosicherheit hat sich als tauglich erwiesen, die absolute Einstellung aller politischen Aktivitäten und aller sozialen Beziehungen als die maximale Form der Bürgerbeteiligung darzustellen. Anm. sowie des Heldentums auf dem Sofa. (11 maggio) Agamben weiß, dass es immer diejenigen geben wird, die entgegnen werden, dass das Opfer, wie schwerwiegend es auch sein mag, im Namen moralischer Prinzipien gebracht wurde. Eine Norm, die besagt, dass man auf das Gute verzichten muss, um das Gute zu retten, ist genauso falsch und widersprüchlich wie eine, die zum Schutz der Freiheit verlangt, dass man auf die Freiheit verzichtet. (13 aprile 2020)

Die Leichtigkeit mit der eine ganze Gesellschaft ohne grossen Protest und Opposition akzeptiert hat, sich zu Hause zu isolieren und ihre normalen Lebensbedingungen, ihre Arbeits-, Freundschafts- und Liebesbeziehungen und sogar ihre religiösen und politischen Überzeugungen außer Kraft zu setzen macht nachdenklich. (27 marzo 2020). Wenn die Menschen die despotischen Maßnahmen und die noch nie dagewesenen Zwänge akzeptiert haben, dann nicht nur aus Angst vor der Pandemie, sondern vermutlich, weil sie mehr oder weniger unbewusst wussten, dass die Welt, in der sie bis dahin gelebt hatten, nicht weitergehen konnte, zu ungerecht und unmenschlich war. Es versteht sich von selbst, dass die Regierungen eine noch unmenschlichere, noch ungerechtere Welt vorbereiten; aber auf jeden Fall war es auf der einen wie auf der anderen Seite irgendwie vorauszusehen, dass die frühere Welt Anm. alte Normalität – wie wir sie jetzt zu nennen beginnen – nicht fortbestehen konnte. (23 novembre 2020) Und das ist in gewisser Weise die einzige positive Tatsache, die man aus der gegenwärtigen Situation ziehen kann: Möglicherweise beginnen die Menschen sich später zu fragen, ob die Art, wie sie gelebt haben, richtig war. (27 marzo 2020)

Die Frage, ob die Regierungen die Pandemie bewusst nutzen, um einen Ausnahmezustand auszurufen, der ihre Macht über alle Grenzen hinweg stärkt, oder ob sie keine andere Wahl hatten als den Notstand, ist nicht eindeutig zu beantworten. Die Herrschenden handeln zwar absolut willkürlich, sind aber gleichzeitig durch die unaufhörliche Entscheidung über die Ausnahme, die letztlich ihr Wesen definiert, gezwungen. Es mag vielleicht möglich sein, dass der Ausnahmezustand einmal formell aufgehoben wird: aber eine Regierung des nationalen Heils, wie sie jetzt Gestalt annimmt, in der alle Opposition aufhört, ist die perfekte Fortsetzung des Ausnahmezustands und der endgültige Untergang des Zeitalters der bürgerlichen Demokratien. (12 febbraio 2021)

Durch den Ausnahmezustand sind verfassungsmäßige Rechte und Garantien außer Kraft gesetzt und verletzt wurden, die nie in Frage gestellt worden waren, nicht einmal während der beiden Weltkriege und des Faschismus; und dass dies keine vorübergehende Situation ist, wird von denselben Machthabern nachdrücklich bekräftigt, die nicht müde werden zu wiederholen, dass das Virus nicht nur nicht verschwunden ist, sondern jederzeit wieder auftauchen kann. Die Epoche, in der wir leben, ist nämlich eine, in der die Illegitimität der Mächte, die die Erde regieren, in vollem Licht erscheint. Man sollte daran erinnern, dass Juristen nicht nur, wie leider seit einiger Zeit, Bürokraten sind, deren einzige Aufgabe es ist, das System, in dem sie leben, zu rechtfertigen. (30 luglio 2020)

Man muss sich darüber wundern, dass die Medien in all diesen Monaten Zahlen ohne jedes wissenschaftliche Kriterium verbreiten, nicht nur ohne sie mit der jährlichen Sterblichkeit für den gleichen Zeitraum in Beziehung zu setzen, sondern sogar ohne die genaue Todesursache zu nennen Anm. mit oder an gestorben. (22 aprile 2020) Wenn Menschen bereit sind, ihre persönliche Freiheit einzuschränken, dann deshalb, weil sie die Daten und Meinungen, die die Medien liefern, ungeprüft akzeptieren. Die Werbung hatte uns längst an Reden gewöhnt, die umso wirkungsvoller wirkten, als sie nicht behaupteten, wahr zu sein. Und auch der politische Konsens hält es irgendwie für selbstverständlich, dass es in Wahlreden nicht um die Wahrheit geht. (28 aprile 2020)

Es ist immer gefährlich, Ärzte und Wissenschaftler mit Entscheidungen zu betrauen, die letztlich ethisch und politisch sind. Wissenschaftler, ob zu Recht oder zu Unrecht, verfolgen und identifizieren sich mit dem Interesse der Wissenschaft und sind auch dazu bereit – wie die Geschichte reichlich beweist – jeden moralischen Skrupel zu opfern. Die Analogie zur Religion ist wörtlich zu nehmen: Theologen behaupten, nicht klar definieren zu können, was Gott ist, aber in seinem Namen diktieren sie den Menschen Verhaltensregeln und zögern nicht, Ketzer zu verbrennen; Virologen geben zu, dass sie nicht genau wissen, was ein Virus ist, aber in seinem Namen behaupten sie zu entscheiden, wie die Menschen leben sollen. (22 aprile 2020)

Was ist die Figur des nackten Lebens, um die es heute bei der Bewältigung der Pandemie geht? Es ist nicht so sehr der Kranke, der isoliert und behandelt wird, es ist vielmehr der Infizierte oder – wie es mit einer widersprüchlichen Formel definiert wird – der asymptomatische Kranke, also etwas, das jeder Mensch quasi ist, auch ohne es zu wissen. Die einzige Identität dieses zwischen Krankheit und Gesundheit schwankenden Lebens ist durch den Nasen-Rachen-Abstrich und den Impfstoff, die wie die Taufe einer neuen Religion das Gegenteil definieren, was einmal Staatsbürgerschaft genannt wurde. Die Taufe ist nicht mehr unauslöschlich, sondern notwendigerweise provisorisch und erneuerbar, denn der neue Bürger, der immer einen Nachweis vorzeigen muss, hat nicht mehr unveräußerliche und unvergängliche Rechte, sondern nur noch Pflichten, die unaufhörlich entschieden und aktualisiert werden müssen. (16 aprile 2021)

Giorgio Agamben gehört zu den renommiertesten Philosophen der Gegenwart und hatte Kontakt zu Hannah Arendt, die ihn in Macht und Gewalt zitiert. Er lehrt weltweit und ist Professor für Ästhetik an der Facolta di Design e Arti der Universität Iuav in Venedig. In dem Blog Quodlibet und dem Buch An welchem Punkt stehen wir?: Die Epidemie als Politik nimmt er Stellung zu dem aktuellem Geschehen. Er ist Co-Herausgeber der Wochenzeitung Demokratischer Widerstand.
Startseite Motiv des Blog Quodlibet von Giorgio Agamben.
Übersetzungen aus dem Italienischem und Textauswahl von Ilka Schaumberg.

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