Konstruierte Freiheit von Alexandra Mümmler

Über Fensterausschnitte sehe ich fragmentarische Fetzen privater Alltagsräume. Es sind wie gesehene Gedankenfetzen, die neu zusammengebaut werden wollen. Einzelne Bruchstücke werden neu zusammengesetzt, verknüpft und existieren noch ungeformt in meiner Fantasie. Durch eine konstruierte Unterhaltung via Videokonferenz von Hannah Arendt und Peter Weibel suche ich nach Antworten was sich dahinter (dem Screen) abspielt.

Der fiktive Dialog bezieht sich auf Peter Weibels Interview und Hannah Arendts Bücher Die Freiheit frei zu sein und Vita Activa:

P. Weibel: „Der Corona-Virus ist der unheimliche Bote, der den Wandel von der körper- und maschinenbasierten, analogen globalen Nahgesellschaft in eine signal-und medienbasierte digitale, globale Ferngesellschaft verkündet.”


H. Arendt: „Alle menschlichen Tätigkeiten sind bedingt durch die Tatsache, dass Menschen zusammenleben, aber nur das Handeln ist nicht einmal vorstellbar außerhalb der Menschengesellschaft.“

P. Weibel: „Heute kann jeder auf dem Smartphone sich sein Programm selbst zusammenstellen, unabhängig von der Masse.”

H. Arendt: „Ein in völliger Einsamkeit arbeitendes Wesen wäre kaum noch ein Mensch; er wäre ein Animal laborans. Ein Wesen, das Dinge herstellt und eine nur von ihm bewohnte Welt erbaut, wäre zwar noch ein Hersteller, aber schwerlich kein Homo faber; es hätte eine spezifische menschliche Eigenschaft verloren”

P. Weibel: „Die sozialen Bedürfnisse nach Nähe bleiben partiell erhalten, weil wir eben im Zeitalter der digitalen Technologien leben und deswegen noch kommunizieren können. Wir treten nun endgültig in die digitale Welt ein, in eine neue Form der Nähe, in die symbolische, zeichen- und nicht körperbasierte Nähe.”

H. Arendt: „Ein besonderer Bezug der das Handeln an das menschliche Zusammen bindet: Handeln allein ist das ausschließliche Vorrecht des Menschen; weder Tier noch Gott sind des Handelns fähig und nur das Handeln kann als Tätigkeit überhaupt nicht zum Zuge kommen ohne die ständige Anwesenheit einer Mitwelt.”

P. Weibel: “ Die Menschen dürfen sich als Körpernicht mehr bewegen und nicht mehr begegnen. Sie befinden sich in wohnhaft. Das ist die Verkündigung des Endes der analogen Nahgesellschaft.”

H. Arendt: “ Die Geburt eines neuen Zeitalters frei zu sein und etwas neues zu beginnen: frei zu sein für einen Neuanfang. Und jede Revolution durchläuft die Phase der Befreiung ehe sie die Freiheit verlangen kann.“

P. Weibel: „Aus dem lokal gebundenen Massenpublikum im realen physischen Raumwird im nonlokalen, dezentralen, verteilten virtuellen Raum der Teletechnologie eine Versammlung von Individuen, aus der Agglutination wird eine Assoziation.”

H. Arendt: „Freiheit hat ihren Sitz im Gesellschaftlichen.“

Das Projekt entstand im Rahmen von FUTURE(S) OF SPACE – SPATIAL NARRATIVES OF UTOPIA AND DYSTOPIA in der Klasse Raumbezogenes Entwerfen und Ausstellungsgestaltung von Prof Gabi Schillig und Ruven Wiegert, das sich im Sommersemester 2020 ausgehend von der weiterhin anhaltenden Covid-19 Krisensituation mit den einhergehenden Veränderungen von Räumen auseinandersetzte.
Webseite Raumklasse

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