The People Vs Tech

Soziale Medien und das Internet im Allgemeinen waren ursprünglich als utopische Werkzeuge für die Verbreitung der freien Meinungsäußerung und die Stärkung der Bürgerbeteiligung gedacht, aber sie wurden schnell von Staaten und anderen mächtigen politischen Entitäten kooptiert, die die Kontrolle darüber anstreben.

Da wir ständig überwacht werden und wir wissen, dass unsere Daten gesammelt und geteilt werden üben wir eine sanfte aber ständige Selbst-Zensur. Auch besteht die Gefahr, dass wir aus Bequemlichkeit substantielle moralische und politische Entscheidungen an Maschinen delegieren und damit immer weiter in grössere Abhängigkeit zu ihnen geraten und die Fähigkeit des freien Denkens verlieren. In einer Post-voting Society gibt es weniger Bedarf an Wahlen, Mehrheitsfindungen oder Abstimmungen. Verhaltensbezogene Daten können Demokratie als das gesellschaftliche Feedbacksystem ersetzen.1

In Filter Bubbles und Echo Chambers findet eine Re-Tribulaisierung statt, die die Demokratie beschädigt, da kleine Unterschiede zwischen uns vergrößert und in riesige, unüberwindbare Gräben verwandelt werden. Spaltung und Uneinigkeit schlagen in existenzielle Gegnerschaft um, die Kompromisse unmöglich macht. Vernunft und Argumente weichen Emotionen und blinder Stammesloyalität. Wie aus Gegnern Feinde werden – ist eine der wichtigsten Fragen, vor denen moderne Demokratien stehen.

Argumente, die sorgfältig ausgearbeitet und detailliert sind und ein Verständnis für die Denkweise oder den Hintergrund anderer Menschen beinhalten, könnten dem entgegen wirken. Dies ist jedoch normalerweise ein langsamer und mühsamer Prozess und digitale Kommunikation ist typischerweise schnell, flüchtig und emotional überhöht. Durch Confirmation Bias mit Gleichgesinnten werden Informationen vermieden, die nicht mit unserer bereits bestehenden Sicht der Welt übereinstimmen. Emotionale Inhalte sind online populärer – Shares, Retweets usw. – als ernsthafte und durchdachte Recherche und Kommentare.

Tech-Giganten haben diese psychologische Schwächen zu einem strukturellen Merkmal des Nachrichtenkonsums gemacht und ihre finanziellen Anreize laufen dem demokratischen Bedürfnis der Menschen zuwider, aus einem breiten Spektrum von akkuraten Quellen und vielseitigen Meinungen informiert zu sein. Undurchsichtige Algorithmen und Bots priorisieren Inhalte und senden an den Nutzer zielgerichtet fein abgestimmte politische Botschaften. Unternehmen wie Google, Facebook, Twitter betten sich in politische Kampagnen als Berater und Verkäufer von Werbeplatz ein, und zensieren und löschen nonkonforme Beiträge.

In der digitalen Dystopie werden nicht nur soziale Medien, sondern auch Virtual Reality, Augmented Reality, menschlich klingende automatisierte Sprachprogramme, gefälschte Videos (Deepfakes), Videospiele und zunehmend interaktive Online-Memes eingesetzt, um politische Hetze zu betreiben und Gemeinschaften weiter zu polarisieren. Für die herrschende Klasse hat das nach der alten Maxime Teile und Herrsche (divide et impera) machtpolitische und wirtschaftliche Vorteile.

Je unmoralischer sich die Big Tech Unternehmen verhalten und je reicher sie werden, desto mehr geben sie für ein cooles und faires Image aus. Durch die Finanzierung von Denkfabriken, TED-Talks, Stipendien, Stiftungen, Medien und zunehmend auch der akademischen Welt wird die breite öffentliche Vorstellung von Technologie auf subtile, aber endgültige Weise in ihrem Sinne neu ausbalanciert. In politischen Manifesten findet man sich dann in einer Welt von Smart Cities, schlanken Regierungen und flexiblen Arbeitnehmern wieder.

Da grosse Unternehmen durch diverse Konstrukte eine gerechte Steuerlast vermeiden sind die Regierungen immer weniger in der Lage angemessen auf die wirtschaftliche Ungleichheit zu reagieren, woraus ein wachsendes Misstrauen und schwindende Unterstützung der Bürger resultiert. Es wird eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, in der die Politik zu einem Spiel reicher Unternehmen und Politiker herabsinkt, die ihre Positionen und Vorstellungen untereinander diskutieren und umsetzen.

Während die Gewinne der Big Techs und Big Lobby Players explodieren und ihre wirtschaftliche Macht für politischen Einfluss genutzt wird, geht der Mittelstand zu Grunde, der ein Bollwerk für die partizipatorische Massendemokratie ist. Eine geschwächte unabhängige Presse, eine Zivilgesellschaft, die aus technikfinanzierten NGOs und Online-Aktivisten besteht, ist dem langsamen Abdriften in Richtung Techno-Autoritarismus nicht gewachsen.

Autoritäre, antidemokratische und automatisierte Tech-Lösungen können zu mächtigen Werkzeugen des subtilen Zwangs werden, die die Gesellschaft vielleicht effizienter und reibungsloser ablaufen lassen – wie das Social Credit System der chinesischen Regierung – uns aber weder freier machen noch die Mächtigen kontrollieren und zur Rechenschaft ziehen würden.

Die fortschrittliche Tech-Elite kann zu Demagogen und Gegnern von Demokratie werden und der Verlockung erliegen, die Gesellschaft selbst zu führen. In diesem Szenario wäre das universelle Grundeinkommen keine träumerische Utopie, sondern eine Methode der Milliardäre die Ärmsten und Geschwächten der Gesellschaft vom Aufbegehren abzuhalten und zu überwachen.

Um die Demokratie zu retten, müssen wir sicher stellen, dass existierende Technologie der demokratischen Kontrolle unterliegt und im öffentlichen Interesse arbeitet. Neue Technologien müssen so gebaut, entworfen und gestaltet werden, dass Menschenrechte und menschlichen Freiheiten im Vordergrund stehen. Potenzielle Schäden, die durch die geschaffenen digitalen Werkzeuge verursacht werden, müssen vorausgesehen und verhindert werden, bevor wir sie herstellen, und nicht erst lange danach.

Die langfristigste Lösung für die Probleme der Computerpropaganda und die Herausforderungen, die mit digitaler politischer Manipulation verbunden sind, sind analoge, offline Lösungen. Menschliche Erfahrungen aus erster Hand, das Beschäftigen mit und Zuhören von Meinungen und Menschen außerhalb der eigenen Blase sowie lokale Gemeinschaft – nicht abstrakte Gruppen von einer Milliarde virtuell verbundener Avatare – und öffentliche Orte des Austausches müssen gestärkt und gefördert werden.

Eine gut informierte Bürgerschaft ist der Kern der Demokratie – und vielleicht unsere stärkste Verteidigung gegen demokratisch nicht legitimierte digitale Autokratie und Lobbyismus. Wenn wir der medialen Manipulation entgehen und für kostenlose Services nicht mit unseren Daten das Produkt sein wollen, können wir unabhängigen Journalismus und alternative Plattformen und Anbieter finanziell unterstützen und für Angebote zahlen. Die Aufmerksamkeits- und Klick-Ökonomie muss durch eine Ökonomie der menschlichen Werte ersetzt werden.

Die primären Lösungen werden sozialer Natur sein, von Investitionen in unsere Bildungssysteme bis hin zu Änderungen von Gesetzen und gänzlich neuen Ideen und Strukturen. Technologie kann uns helfen, ist jedoch nur so nützlich wie die Menschen und Motive, die hinter ihrer Entwicklung und Implementierung stehen. Am Ende des Tages können wir nicht einfach fortfahren, Technologie mit noch mehr Technologie zu bekämpfen.

Text und Übersetzungen von Ilka Schaumberg.
Quellen:
Jamie Bartlett, The People Vs Tech: How the internet is killing democracy (and how we save it) (English Edition), Ebury Digital, 5. April 2018, Startseite Motiv vom Cover
Samuel Woolley, The Reality Game: A gripping investigation into deepfake videos, the next wave of fake news and what it means for democracy (English Edition), Endeavour, 9. Januar 2020
1 Smart City Charta, Digitale Transformation in den Kommunen nachhaltig gestalten, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Bonn Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), S. 43, Mai 2017

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