Eine Krise bekommen

Die Studierenden der Universität der Künste Berlin bekommen eine Krise. Sie sind wütend über Ungerechtigkeit und Diskriminierung und schreiben mit kritischem Blick über die Auswirkungen der Pandemie, ambivalente Identitäten und die politische Verantwortung der Kunsthochschule.

„Sie werden sehen: es ist etwas Außergewöhnliches, ein Mitglied der UdK Berlin zu sein“, „einer der größten und vielfältigsten Kunsthochschulen Europas.“ Wenn wir an solche Formulierungen zu Studienbeginn zurückdenken, bekommen wir eine Krise. Über die letzten Jahre mussten wir feststellen, dass Versprechungen zu Diversität, Anti-Diskriminierungsarbeit und innerinstitutioneller Transformation in sämtlichen Selbstinszenierungen der Universität nicht den kollektiven Studienerfahrungen entsprechen.
Aus dieser Frustration heraus fanden wir uns zur Entwicklung eines Essaybandes zusammen, um unsere kritischen Auseinandersetzungen zu etlichen Missständen innerhalb der Künste und strukturellen Dimensionen, die darüber hinausgehen, zu bündeln:
So beschäftigen sich die Texte mit marginalisierten Stimmen, die bereits im Bewerbungsprozess an den Pforten der Universität abprallen und sich währenddessen auch noch einen Schwall aus diskriminierenden Zuschreibungen anhören müssen. Wenn von ‚vielfältiger’ Kunsthochschule die Rede ist, fragen wir uns, warum wir die Diversität unserer Gesellschaft nicht annähernd in den Lehrpositionen und Studieninhalten repräsentiert sehen und Gleichstellungsbeauftragte immer wieder gegen Wände laufen.

Jene, die inner- und außerhalb der Künste ständige Identitätszuweisungen erleben und sich gegen reduzierte Abbildungen auflehnen müssen, werden ebenfalls thematisiert. Bohrende Fragen nach ihrer vermeintlichen ‚Herkunft‘, wie auch historische Abwertungsnarrative weisen auf strukturelle Mechanismen für das ständige Markieren eines ‚Anderen‘ hin. Wie sprechen wir mit, über und für Subjekte, deren Identitäten nicht in geschlossenen Kategorien Platz finden?

Die vierzehn Beiträge entstanden im Jahr 2020 – einer Zeit, in der die Gefährdungsdimensionen von verwundbaren Bevölkerungsgruppen sichtbarer wurden. Problematische Arbeitsbedingungen und bereits existierende Stigmata über illegalisierte, informelle und tabuisierte Beschäftigungen wie Sex- und Care-Arbeit verdichteten sich und werfen Fragen auf, wie sich ungleiche Betroffenheit auf prekarisierte Gruppen auswirkt. Zeitgleich wurden wir damit konfrontiert, wie sich Sichtbarkeit persönlicher Sphären in Videokonferenzen wandelt – und wie diese politischen Diskurse letztendlich im Spannungsverhältnis zwischen Ästhetisierung und Aktivismus auf sozialen Medien stattfinden.

Auch in der Gestaltung der Publikation manifestieren sich unsere Krisen: Textstörer aus illustrativen Übersetzungen der Inhalte begleiten die Gedankengänge. Ebenso wie der Weißraum im Buch immer wieder durch chaotische Kritzeleien durchbrochen wird, ist die Titelschrift aus wütend zerrissenen Buchstaben entstanden. 


Mit diesen Überlegungen beschäftigt sich der Sammelband „Eine Krise bekommen“ aus dem Drang, unterrepräsentierte Auseinandersetzungen und studentische Perspektiven sichtbar zu machen.
Wir brauchen endlich einen differenzierteren Austausch und Anerkennung marginalisierter Perspektiven in den Räumen der Kunsthochschule – keine leeren Worten zu Vielfalt und Solidarität. Ihr werdet sehen: es ist außergewöhnlich nervenaufreibend, ein Mitglied der UdK Berlin zu sein.

Eine Krise bekommen
Herausgegeben von: Destina Atasayar, Sarah Böttcher, Katharina Brenner, Lucie Jo Knilli, Luisa Herbst
Mit Beiträgen von: Athena Grandis, Anaïs Nyffeler, Maxie Czoski, Marlene Krause, Bao-My Nguyen, Melissa Lücking, Niklas Weber, Irene Szankowsky, Lucie Jo Knilli, Lukas Graf, Destina Atasayar, Luisa Herbst, Katharina Brenner, Anna-Luisa Ruther
Lektorat: Destina Atasayar, Luisa Herbst
Gestaltung/Satz: Katharina Brenner, Lucie Jo KnilliIllustrationen: Sarah Böttcher
Fahnenkorrekturen: Elena Buscaino, Lukas Graf, Irene Szankowsky
Visuelle Kultur Band 2, Schriftenreihe herausgegeben von Kathrin Peters
Erschienen im Verlag der Universität der Künste Berlin, 2021
ISBN: 978-3-89462-359-6
Als Pdf
Erhältlich unter einekrisebekommen@systemli.org und über den UdK Verlag


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